Wirbelsäulenbrüche (Frakturen)

Sehr geehrte Patientin, sehr geehrter Patient,
nachfolgend möchten wir Ihnen einige Informationen zum Krankheitsbild der Wirbelsäulenbrüche und seiner Behandlung geben. Aufgrund des hohen Spezialisierungsgrades der Klinik für Wirbelsäulenchirurgie im Klinikum Bad Bramstedt, werden Patienten überregional in Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Bremen sowie aus weiteren Bundesländern behandelt bzw. beraten. Dabei sind die sorgfältige Untersuchung und Befragung die zentralen Bestandteile, Patienten in unserer Sprechstunde individuell beraten zu können.

Definition

Abb. 1

Die Wirbelsäule nimmt eine zentrale Rolle in der Statik des Körpers ein und hat die Aufgabe, das Rückenmark und die von ihm ausgehenden Nervenwurzeln vor Verletzungen zu schützen. Schon im Alltag wirken erhebliche Kräfte auf dieses Achsorgan. Im Rahmen eines Unfalls oder einer äußeren Gewalteinwirkung übersteigen diese die Belastbarkeit der Strukturen mit nachfolgender Verletzung von Bändern, Knochen oder Bandscheiben. Ist die Wirbelsäule gesund, treten Brüche der Wirbelkörper meist erst bei einem Sturz aus größerer Höhe, Reit-, Auto- und Motorradunfällen oder ähnlichen Verletzungsmechanismen auf (siehe Abbildung 1). Besteht eine Vorschädigung, beispielsweise durch eine Tumorerkrankung oder eine Osteoporose, können auch normale Belastungen bzw. Bagatelltraumen zum Bruch eines Wirbelkörpers führen. Dies nennt man „pathologische Fraktur“. Dabei muss dem Betroffenen das Vorliegen einer Grunderkrankung nicht zwingend bekannt sein. Nicht selten wird aufgrund des akuten Schmerzereignisses erstmals die Grunderkrankung im Rahmen der Diagnostik entdeckt. Verletzungen der Wirbelsäule werden anhand der betroffenen Strukturen in stabile und instabile Brüche unterteilt. Die Brüche (Frakturen) können von einem einfachen Einknicken der Deckplatte bis hin zu hochinstabilen Zerreißungen von Bandscheiben, Wirbelkörpern und Bändern reichen.

Diagnostik

Wichtig für den Patienten ist der schonende Transport in eine spezialisierte Einrichtung zur weiteren Diagnostik und Therapie, ohne zusätzliche Schäden hervorzurufen. Bestehen neben den Schmerzen neurologische Ausfälle wie Taubheitsgefühle, Missempfindungen, Lähmungen oder Störungen der Blasen- und Mastdarmfunktion, ist umgehend ein Transport unter notärztlicher Überwachung zu organisieren. In Abhängigkeit der Verletzungsursache werden bei geringerer Gewalteinwirkung zunächst normale Röntgenbilder des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts angefertigt. Meist lässt sich die Frage nach einem Wirbelkörperbruch so bereits beantworten. Wenn hier eine Verletzung nicht sicher ausgeschlossen werden kann oder wenn genauere Informationen zur Art des Bruches und eventuelle Engen des Rückenmarkskanals (Spinalkanal) benötigt werden, ist eine sogenannte Schichtbildgebung notwendig. In Abhängigkeit der Fragestellung wird dann eine Computer- (CT) oder Kernspintomografie (MRT) durchgeführt.

Differentialdiagnosen

Bei Wirbelkörperbrüchen ist zum Teil die Bestimmung, ob es sich um frische oder alte Brüche handelt, nur durch eine Kernspintomographie zu klären. Weiterhin können angeborene Veränderungen die Diagnostik erschweren. Unter Zuhilfenahme der diagnostischen Möglichkeiten mit MRT/CT und Röntgen-Funktionsaufnahmen ist die Diagnostik im Rahmen von Verletzungen überwiegend eindeutig und lässt auch eine sichere Aussage zur Instabilität der Verletzung zu.

Ziel der Therapie

Ziel der konservativen und operativen Therapie ist die schnelle Mobilisation des Patienten unter belastungsstabilen Verhältnissen, um die Lebensqualität wiederherzustellen, die vor dem Unfall bestand.

Konservative Therapie von Wirbelkörperbrüchen

Stabile Brüche ohne größere Achsabweichung können ohne Operation mittels kurzzeitiger Bettruhe, physiotherapeutischer Übungsbehandlung und ggf. Korsettversorgung behandelt werden. Hier steht die frühzeitige Mobilisation des Patienten, das Erlernen rückenschonender Bewegungsabläufe sowie die suffiziente Schmerztherapie im Vordergrund.

Operative Therapie

Abb. 2

Liegt ein instabiler Bruch oder eine Bedrängung neurologischer Strukturen (Nervenwurzeln, Rückenmark) vor, so ist eine operative Versorgung angezeigt. Der gebrochene Wirbel wird hierbei in der Regel von hinten durch ein Schrauben-Stab-System aus Titan überbrückt. Dabei werden, wenn möglich, spezielle minimalinvasive Verfahren angewendet, die über kleine Hautschnitte den Zugang zum verletzten Wirbelsäulenabschnitt erlauben und dadurch sehr gewebeschonend sind (Schlüsselloch-Chirurgie). Die durch die Verletzung entstandene Achsabknickung der Wirbelsäule wird korrigiert und die normale Wirbelsäulenform wiederhergestellt. Bei Lähmungserscheinungen kann es notwendig sein, den Rückenmarkskanal von hereinragenden Wirbelkörper- und Bandscheibenanteilen zu befreien, um die nervalen Strukturen zu entlasten und eine weitere Schädigung zu verhindern. Bei dieser „Dekompression“ kommt ein spezielles Operationsmikroskop und mikrochirurgisches Instrumentarium zum Einsatz, um Rückenmark und Nervenwurzel zu schonen. Ist die Stabilisierung der Wirbelsäule von hinten nicht ausreichend, so muss gegebenenfalls in einem zweiten Eingriff von vorne eine dauerhafte Fixierung mittels körpereigenem Knochen (Entnahme in der Regel vom Beckenkamm) oder einem künstlichen Wirbelkörper erfolgen. Dies verhindert langfristig eine Lockerung des Schraubenmaterials. Prinzipiell ist nach Ausheilung des Bruchs die Entfernung des Titanmaterials am Rücken nach ca. 6 Monaten bis einem Jahr möglich. Auch diese Operationen können zu einem Großteil heutzutage minimal-invasiv durchgeführt werden. Hierzu werden die Brustkorbspiegelung (Thorakoskopie) im Brustwirbelsäulenbereich und „Mini-Schnitte“ (Mini-ALIF) an der Lendenwirbelsäule verwendet. Eine besondere Situation findet sich im Bereich der Halswirbelsäule. Einerseits aufgrund ihrer hohen Beweglichkeit, den feinen knöchernen Strukturen und einer speziellen Blutversorgung, andererseits aufgrund der Gefahr einer hohen Rückenmarksverletzung. Für die Versorgung am Unfallort und den Transport gilt besondere Vorsicht. Je nach Art des Bruches erfolgt die operative Versorgung von vorne (siehe Abbildung 2) oder von hinten. Eine weitere Besonderheit stellen Ermüdungsbrüche aufgrund von Knochenschwund (Osteoporose) dar. Viele dieser Brüche sind stabil und können deshalb konservativ, d.h. ohne Operation behandelt werden. Instabile Brüche oder stabile Brüche mit nicht beherrschbaren Schmerzen lassen sich häufig durch Einbringen von Zement in den Wirbelkörper (Vertebroplastie) behandeln. Eventuell ist eine vorherige minimalinvasive Wiederherstellung der Höhe des Wirbelkörpers (Kyphoplastie) nötig, um wieder eine physiologische Stellung der Wirbelsäule zu erreichen und Langzeitschäden durch Fehlbelastungen zu vermeiden.

Prognose

Die Lebensqualität nach Wirbelkörperbrüchen hängt in hohem Maße von der Wiederherstellung der Funktion und Belastbarkeit des Patienten ab. Weiterhin sind auch Gefühlsstörungen und Lähmungen sowie chronische Schmerzen für die Lebensqualität von erheblicher Bedeutung. Bei korrekter Therapie können die meisten Patienten ihre berufliche Tätigkeit wieder aufnehmen und sind nach Ausheilung des Bruches körperlich belastbar.